Die Larmoyanz sitzt im Publikum

Die 2. ZEIT KONFERENZ »Hoch­schule & Bil­dung« bie­tet gute Unter­hal­tung, unpro­fes­sio­nelle Ver­an­stal­ter, über­ra­schende 180°-Wendungen von Uni-Präsidenten, gewohn­ten Wirt­schafts­sprech und einen Mode­ra­tor, der sich freut, mal mit­dis­ku­tie­ren zu dür­fen. Ein stu­den­tisch kom­men­tie­ren­der Bericht.

Frank­fur­ter Sky­line. Warum die IHK in Frank­furt für eine Bil­dungs­kon­fe­renz aus­ge­wählt wurde, lässt sich, wenn nicht durch Sym­bo­lik, so doch viel­leicht durch die zen­trale Lage erklä­ren. (cc-by-nd-licensed by loop_oh: http://www.flickr.com/people/loop_oh/, http://www.flickr.com/photos/loop_oh/3837770108/sizes/o/)

Schön, dass man als Stu­dent umsonst mit dem ICE in der ers­ten Klasse nach Frank­furt kommt. Was wahr­schein­lich als Wer­be­ge­schenk der Deut­schen Bahn gedacht war, eine im regu­lä­ren Ein­tritts­preis von fast 900 € inbe­grif­fene Zug­karte, kam auf­grund der poli­tisch ehren­wer­ten Ent­schei­dung der ZEIT, Stu­den­ten, Jour­na­lis­ten und Ange­stellte im öffent­li­chen Dienst kos­ten­los auf die Kon­fe­renz zu las­sen, dann doch irgend­wie nicht so wirk­lich an die Ziel­gruppe, die durch bal­dige Fir­men­ti­cket­käufe die Finan­zen der DB aufbessert.

Ange­kom­men, gespannt, wie selek­tiert das Publi­kum auf­grund die­ser Ein­tritts­preise wohl sein wird, wird einem bereits am Neben­ein­gang der Indus­trie– und Han­dels­kam­mer (IHK) durch gut plat­zierte Spon­so­ren­lo­gos mal wie­der die, aus stu­den­ti­scher Sicht all­ge­gen­wär­tig Ver­an­stal­tun­gen finan­zie­rende, Finanz­be­ra­tung MLP in Erin­ne­rung geru­fen. Nach dem obli­ga­to­ri­schen Steh­emp­fang wird das den Ple­nar­saal nicht wirk­lich fül­lende Publi­kum auf der Bühne erst ein­mal von Josef Joffe, Her­aus­ge­ber der ZEIT, begrüßt.

Neid­volle Bli­cke auf den US-amerikanischen Bildungseisberg

Wie auch das sons­tige mode­rie­rende Per­so­nal der ZEIT, hat er einen direk­ten Bezug zu den USA, er dozierte in Stan­ford, Prin­ce­ton und Har­vard, in deren Rich­tung im Laufe des Tages noch häu­fig neid­voll geblickt wer­den wird. Dass hier­bei jedoch von den Dis­ku­tan­ten auf dem Podium meist nur die Spitze des US-amerikanischen Bildungs-Eisbergs gese­hen wurde, stieß weder ihnen noch dem Publi­kum hör­bar auf. Nach einem fla­chen Witz über »Jogis Löwen« (bekommt man sol­che Wort­spiele als Her­aus­ge­ber einer renom­mier­ten Wochen­zei­tung nicht abge­wöhnt?), nutzt er sein gutes Recht als Ver­an­stal­ter, seine per­sön­li­che Mei­nung zur heu­ti­gen Hoch­schul­land­schaft als Ver­an­stal­ter loszuwerden.

Wer hier jedoch eine wert– und ziel­neu­trale Erör­te­rung der Pro­bleme und Lösungs­an­sätze eben­die­ser erwar­tete, wie man sie vom Ver­an­stal­ter gerne hören würde, wurde lei­der ent­täuscht. Nach­dem das Publi­kum mit einem Lage­be­richt ein­ge­stimmt wurde, dass die For­schung immer wei­ter in die außer­uni­ver­si­tä­ren Insti­tute ver­la­gert wird, zu viele Leute auf zu wenig Stu­di­en­plätze kom­men und zu wenig Geld da ist, kommt sofort die For­de­rung nach mehr Ver­ant­wor­tungs­über­nahme der Stu­die­ren­den, die über­setzt Stu­di­en­ge­büh­ren heißt, was beim Thema des ers­ten Vor­trags– und Dis­kus­si­ons­blocks »Ver­ant­wor­tung der Hoch­schu­len für die Stu­die­ren­den« beson­ders pas­send kommt. Mit dem Ver­weis auf die USA und dem Ver­gleich mit eben dem gelob­ten Land, wird aus den Aus­ga­ben der dor­ti­gen Stu­den­ten der Schluss gezo­gen, die Deut­schen wür­den zu wenig bezahlen.

Dass erst Bolo­gna die Mobi­li­tät aus den Fugen brachte, ist noch nicht angekommen.

Bolo­gna sei not­wen­dig gewe­sen. »Ein dras­ti­scher Wan­del musste sein«. Denn vor­her herrschte ein »Stu­dium ohne Ende«, »ohne Qua­li­täts­kon­trolle« und, fak­tisch voll­kom­men falsch, »ohne euro­pa­weite Mobi­li­tät«. Dass erst mit Bolo­gna die vor­her durch Eras­mus und ähnli­che Initia­ti­ven erreichte Mobi­li­tät wie­der aus den Fugen geriet, ist anschei­nend immer noch nicht ange­kom­men. Er will die »Bologna-Litanei« nicht wei­ter aus­wei­ten und schließt den inhalt­li­chen Teil mit ein paar wei­te­ren all­ge­mein bekann­ten Fak­ten (die FH ver­zeich­nen Zuwächse) und dem all­seits belieb­ten Ana­lo­gie­zug zwi­schen Köp­fen und Boden­schät­zen des Landes.

Nun, man will, ob der Dreis­tig­keit einer so kla­ren Posi­tio­nie­rung eines Ver­tre­ters des Ver­an­stal­ters in der Begrü­ßung, eigent­lich schon wie­der gehen, aber das Mit­tag­es­sen ist erst in zwei Stun­den und so hofft man wäh­rend der »Key Note« des Staats­se­kre­tärs des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Bil­dung und For­schung Dr. Georg Schütte, dass die Podi­ums­dis­kus­sion zwei Vor­träge spä­ter wenigs­tens Gegen­ar­gu­mente, wenn schon nicht den Ver­such einer objek­ti­ven Betrach­tung mit sich bringt.

»Change your culture!«

Schütte rela­ti­viert dan­kens­wer­ter­weise gleich zu Beginn den USA-Vergleich und weist als gefühlt ein­zi­ger an die­sem Tag auf das Hin­ke­bein hin, die Ivy-League und Uni­ver­si­tä­ten ähnli­cher Repu­ta­tion mit dem deut­schen Hoch­schul­sys­tem zu ver­glei­chen, das ganz andere Ziel– und Vor­aus­set­zun­gen hat. Er zitiert anek­do­tisch einen ame­ri­ka­ni­schen Kol­le­gen, der auf die Frage, was Deutsch­land denn machen müsse, um das gelobte Land nach­zu­ah­men: »Change your cul­ture!« Danach kommt das übli­che Staats­re­fe­rat: Die Ver­ant­wor­tung des Staa­tes für eine funk­tio­nie­rende Uni, die Erkennt­nis, Aus­bil­dung, Berufs­qua­li­fi­ka­tion und — natür­lich — die Aus­bil­dung staats­bür­ger­li­chen Han­delns leis­ten soll. Dann eine lange Reihe von Zah­len, ins­be­son­dere, wie­viel der Staat für den Hoch­schul­pakt aus­gibt und die Erfolgs­mel­dung, dass end­lich mehr Leute die soge­nann­ten MINT-Studienfächer (Mathe­ma­tik, Infor­ma­tik, Natur­wis­sen­schaf­ten und Tech­nik) wäh­len. Wäh­rend­des­sen blät­tert man ein wenig im den Kon­fe­renz­teil­neh­mern geschenk­ten, 320 Sei­ten star­ken »MLP Taschen­buch der Hoch­schul­presse«, nütz­lich für jeden, der die öffent­li­che Mei­nung über Hoch­schul­po­li­tik ein wenig prä­gen möchte. Kon­takt­da­ten ohne Ende, nur Pres­se­re­fe­rate von Stu­die­ren­den­ver­tre­tun­gen und ASten sucht man vergeblich.

»Kein Sti­pen­di­en­pro­gramm für Einkommenseliten«

Schließ­lich ein Höhe­punkt: Wir erfah­ren aus ers­ter Hand, dass das natio­nale Sti­pen­di­en­pro­gramm, nach­dem der Bund plötz­lich Geld dafür hat, durch­ge­wun­ken wurde, wäh­rend für die all­ge­meine BAFöG-Erhöhung kein Geld liquide ist. Dies sei aber, so wird betont, und allein die Not­wen­dig­keit und Form die­ser Ver­tei­di­gung macht stut­zig, »kein Sti­pen­di­en­pro­gramm für Einkommenseliten«.

Wäh­rend man lang­sam bemerkt, dass man sich hier in einen rie­si­gen Kühl­schrank mit­ten in Frank­furt gesetzt hat — die Kli­man­lage bol­lert irgendwo unter 18 Grad Cel­sius — kommt einer zu Wort, der in der Ver­gan­gen­heit auf Sei­ten der Wirt­schaft viel Ehr und auf Sei­ten der Stu­den­ten viel Kri­tik und krea­ti­ven Pro­test ent­ge­gen­ge­bracht bekom­men hat. Aus­ge­zeich­net als Hoch­schul­ma­na­ger des Jah­res 2008 trat er bis­her vor allem durch seine starke Wirt­schafts­ori­en­tie­rung als Prä­si­dent der FU Ber­lin in Erschei­nung. Jetzt, als Prä­si­dent der Uni­ver­si­tät Ham­burg, scheint ihm die dor­tige »Dis­kus­si­ons­kul­tur«, sowie die ver­gan­ge­nen Pro­teste gegen seine Per­son in Ber­lin und gegen die Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz, deren Vize­prä­si­dent er ist, nahe­ge­legt zu haben, sich auf alte Werte der Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten zurück zu besinnen.

Wozu soll Uni­ver­si­tät eigent­lich gut sein?

So betritt mit Prof. Dr. Die­ter Len­zen ein Mann die Bühne, dem nach eige­ner Aus­sage nahe gelegt wor­den ist, mög­lichst »kon­kret und prag­ma­tisch« Ver­ant­wor­tung für die Stu­die­ren­den in Form von Betreu­ung, Career Ser­vices, Qua­li­täts­ma­nage­ment und Ähnli­ches in einem Impuls­re­fe­rat für die fol­gende Podi­ums­dis­kus­sion zu the­ma­ti­sie­ren. Dem ver­wei­gert er sich aus­drück­lich. Und plötz­lich hört der Saal wie­der zu.

Er stellt die wohl unprag­ma­tischste und grund­sätz­lichste Frage, die man sich in die­ser Umge­bung vor­stel­len kann. Die Frage nach dem Sinn von uni­ver­si­tä­rer Bil­dung. Wozu soll Uni­ver­si­tät eigent­lich gut sein? Die Frage nach dem »Wozu und zu wel­chem Ende« ist zwar nicht immer ein Garant für eine gelun­gene Rede, doch dies­mal hält sie ihr Ver­spre­chen. Er wolle nicht anfan­gen Hum­boldt zu zitie­ren. Denn damit gerate man immer in den Ver­dacht, ein roman­tisch, alt­ger­ma­ni­sches Bil­dungs­ideal, das nicht mehr zeit­ge­mäß ist, wie­der her­auf­be­schwö­ren zu wol­len. Statt des­sen wird der eng­li­sche Phi­lo­soph John Stuart Mill bemüht, der in einer Rede 1867 uni­ver­si­täre Bil­dung dar­über defi­nierte, was sie nicht ist: Sie sei nicht »der Ort für berufs­mä­ßige Erzie­hung« und höre da auf, wo »all­ge­meine Bil­dung auf­hört«. Die­ses Zitat nimmt der Erzie­hungs­wis­sen­schaft­ler Len­zen exem­pla­risch dafür her, dass die Idee der all­ge­mei­nen, das Mensch­li­che und all­ge­meine Bil­dung ver­mit­teln­den Uni­ver­si­tas nicht allein im alt­ger­ma­ni­schen, son­dern euro­pa­weit und auch im angel­säch­si­schen Raum Tra­di­tion hat.

Um den tem­po­ra­len Sprung zu neh­men, wird Hork­hei­mer bemüht: Die Uni­ver­si­tät wolle »nicht den Fach­mann her­an­zie­hen«, son­dern wird durch die Ver­mitt­lung von Bil­dung »das Mensch­li­che erhal­ten« und den all­seits gegen­wär­ti­gen »Traum auf ein sinn­vol­les Leben« erhal­ten und die »Ver­göt­zung des sich selbst genü­gen­den Ichs« zu ver­hin­dern suchen durch den Dienst an der Sache, der Bil­dung, der Wis­sen­schaft. Somit sei die­ses Bild selbst in der Phi­lo­so­phie des 20. Jahr­hun­derts, bei Per­so­nen, die mit dem alten Ideal Hum­boldts längst gebro­chen haben, immer noch gültig.

Bolo­gna riecht nach Trup­pen­ver­sor­gung und Zwangsernährung.

Mit die­ser Ein­lei­tung im Hin­ter­grund wird nun Bolo­gna an den Pran­ger gestellt: Die von man­chen mit der Reform des euro­päi­schen Hoch­schul­raums in einem Atem­zug ver­suchte »Ent­po­li­ti­sie­rung« der Hoch­schu­len musste schei­tern, da sie als sol­che selbst ein poli­ti­scher Akt war. Die Ver­ant­wort­li­chen, die Qua­li­täts­ma­nage­ment und Career Ser­vices for­dern, hät­ten die »Bil­dung als Ermög­li­chungs­raum« nicht ver­stan­den. »Erzie­hung ist Zumu­tung, Bil­dung Ange­bot.« Mehr Deter­mi­na­tion des Cur­ri­cu­l­ums führe zu weni­ger Dif­fe­ren­zie­rung und wäh­rend Bil­dung einem Aus­wäh­len aus einem Ange­bot fei­ner Deli­ka­tes­sen gleich sein sollte, rie­che Bolo­gna nach »Trup­pen­ver­sor­gung und Zwangsernährung«.

Wie die alte deut­sche Bil­dungs­tra­di­tion so schwach sein konnte, dass Bolo­gna Bil­dung zum »Erzie­hungs­pro­zess« gemacht hat, werde Thema erzie­hungs­wis­sen­schaft­li­cher Unter­su­chun­gen der nächs­ten Jahr­zehnte sein. Hoch­schul­leh­rer jedoch soll­ten als »Vor­bil­der der lei­den­schaft­li­chen Erkennt­nis­su­che« Qua­li­täts­ma­nage­ment, gewünsch­tes Thema sei­ner Rede, über­flüs­sig machen. »Gebil­dete Men­schen brau­chen kein Qua­li­täts­ma­nage­ment«. Zusam­men mit der Unmög­lich­keit, die Qua­li­tät von Bil­dung arith­me­tisch zu erfas­sen, mache die Ein­füh­rung der Qua­li­täts­über­prü­fung uni­ver­si­tä­rer Kun­den­be­treu­ung, nur dann Sinn, wenn der Schritt von Bil­dung zu Erzie­hung nicht revi­diert wird. Mit der »Hin­gabe an die Sache« werde Qua­li­täts­ma­nage­ment an Uni­ver­si­tä­ten überflüssig.

UPDATE (12.8.2010): Die Rede von Die­ter Len­zen fin­det sich hier.

Ver­ant­wor­tung heißt Bil­dung statt Erziehung.

Nach einer Anein­an­der­rei­hung von For­de­run­gen, wie Uni­ver­si­tät Ver­ant­wor­tung für die Stu­die­ren­den über­neh­men sollte, muss er sich von Jan-Martin Wiarda, Redak­teur der ZEIT, der die fol­gende Podi­ums­dis­kus­sion mode­riert, berech­tig­ter­weise fra­gen las­sen, wie viel Selbst­kri­tik in die­ser Rede gesteckt habe. Wiarda fasst diese auch sogleich tref­fend zusam­men: »Ver­ant­wor­tung für Stu­die­rende heißt Bil­dung statt Erziehung«.

Das Podium ist sehr aus­ge­gli­chen besetzt. Neben Len­zen sitzt erfreu­li­cher­weise eine stu­den­ti­sche Ver­tre­te­rin vom fzs, Anja Gadow. Auch wenn die­ser Dach­ver­band von Stu­die­ren­den­schaf­ten in den letz­ten Jah­ren an Bedeu­tung ein­ge­büßt hat, immer­hin ein Zei­chen guten Wil­lens. Neben Wiarda Prof. Dr. Wil­fried Mül­ler, Rek­tor der Uni Bre­men, auch Vize der HRK. Dann sitzt da noch Kai Geh­ring, Spre­cher für Jugend, Gene­ra­tio­nen und Hoch­schul­fra­gen der Grü­nen im Bun­des­tag. Warum Ver­tre­ter ande­rer Par­teien, außer noch der SPD, nicht ange­kün­digt sind, kann man viel­leicht dadurch erklä­ren, dass ihre Inter­es­sen bereits aus­rei­chend ver­tre­ten wer­den. Jedoch voll­kom­men unver­ständ­lich, aus wel­chem sach­be­zo­ge­nen Anlass ein Vor­stands­vor­sit­zen­der der MLP sich mit in die Reihe setzt. Kurz­vita im Pro­gramm:

»Uwe Schroeder-Wildberg, Jahr­gang 1965, ist seit 2004 Vor­stands­vor­sit­zen­der der MLP AG. Nach Bank­lehre und Stu­dium war der Diplom­kauf­mann zunächst als wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter tätig. 1995 wurde er Refe­rent für Tre­a­sury bei der Süd­zu­cker AG; 1999 wech­selte er als Mana­ging Direc­tor zur Con­sors Discount-Broker AG. Dort rückte er 2001 in den Vor­stand auf und ver­han­delte als Finanz­vor­stand die Über­nahme des Insti­tuts durch die BNP Pari­bas. 2003 wurde er in den Vor­stand der MLP AG beru­fen; nur ein Jahr spä­ter über­nahm Uwe Schroeder-Wildberg dort den Vorsitz.«

Er hat stu­diert und war »zunächst als wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter tätig«. Externe Bera­ter brin­gen immer neue Ansich­ten, aber in einer Dis­kus­sion »Ver­ant­wor­tung der Uni­ver­si­tät für die Wirt­schaft« hätte man ihn wohl eher erwar­tet. Aber wahr­schein­lich gehört das zum guten Ton, wenn MLP das Essen gezahlt hat.

Es gibt keine Lern­for­schung für den Hochschulbereich

So star­tet eine eher lang­at­mige Dis­kus­sion, auch da Len­zen recht früh schon wie­der gehen muss und somit die größte Rei­bungs­flä­che ver­schwun­den ist. Zuvor jedoch deckt er mit der Fest­stel­lung, dass es bis heute »keine Lern­for­schung für den Hoch­schul­be­reich« gebe, die Unsin­nig­keit, über eine angeb­lich mess­bare Qua­li­tät der Lehre zu reden, auf, ohne dass es groß zur Kennt­nis genom­men wird. Wäh­rend Gadow ihre Indi­vi­dua­li­tät pflegt, indem sie äußert, Career Ser­vices dürf­ten ihr nicht vor­schrei­ben, was sie anzu­zie­hen hat, ver­sucht sich Schroeder-Wildberg in Sprach­hy­giene, nach­dem er bemerkt, dass das Wort Qua­li­täts­ma­nage­ment nicht so gut ankommt und hofft so die »Über­prü­fung der Errei­chung von selbst­ge­steck­ten Zie­len« an den Mann zu brin­gen. Geh­ring meint, das ökono­mi­sche Leit­bil­der für die Hoch­schul­re­form wohl etwas zu ein­sei­tig gewe­sen seien und pran­gert — auch das kennt man bereits — die Bewer­tung von Uni­ver­si­tä­ten allein nach ihrer Leis­tung in der For­schung an.

So blub­bert die Dis­kus­sion ziem­lich kern­los dahin, man hat eigent­lich kein gemein­sa­mes Thema, da man sich an »Was ist Bil­dung?« oder »Erzie­hung vs. Bil­dung« nicht wirk­lich her­an­wagt, und alle war­ten aufs Mit­tag­es­sen. So gibt es denn auch nicht mehr son­der­lich viele Wort­mel­dun­gen im Publi­kum. Im Gedächt­nis hän­gen bleibt der Vor­schlag, die Qua­li­tät der Lehre an der »Zufrie­den­heit« der Stu­den­ten fest­zu­ma­chen. Man fühlt sich spon­tan an das Kon­zept des Brut­to­na­tio­nal­glücks erinnert.

Die Pla­nung ist lei­der so ange­legt, dass man sich nur an einem der ins­ge­samt sechs Round­ta­bles betei­li­gen kann, denn für das Mit­tag­es­sen blei­ben ansons­ten gerade mal 15 Minu­ten. So schlägt man sich den Bauch mit eini­gen Deli­ka­tes­sen mit viel Fleisch und Fisch voll, ver­misst irgend­wie den Alko­hol dazu, der kor­rek­ter­weise erst am Abend gereicht wird, und ver­passt der­weil »Pro­fil­bil­dung und Selbst­fin­dungs­pro­zesse«, »Career Ser­vices«, der inof­fi­zi­elle PR-Workshop von MLP, und »Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bote an Hoch­schu­len — quartäre Bil­dung«, auch eher unin­ter­es­sant für den jung stu­die­ren­den Betrach­ter. Also fin­det man sich spä­ter in »Hoch­schul­kom­mu­ni­ka­tion und –mar­ke­ting« wie­der, nach­dem man dem Reiz wider­stan­den hat, wie denn wohl das »Berufs­bild Hoch­schul­ma­na­ger« aus­sieht und »E-Learning« wahr­schein­lich zu Hause genauso inter­es­sant ist.

Warum ist »uni­ver­sity« plötz­lich »corporate«?

Die etwas ner­vös wir­kende Red­ne­rin, sie ist »Prak­ti­ke­rin«, soll hei­ßen Pres­se­spre­che­rin und Lei­te­rin der Kom­mu­ni­ka­ti­ons– und Mar­ke­ting­ab­tei­lung der Uni Hei­del­berg, klatscht einem, wie könnte es anders sein, ein paar Powerpoint-Folien an die Wand und erzählt aus ihrem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kon­zept für Hoch­schu­len. Alles lässt sich eigent­lich unter der For­mel ›Aus Wett­be­werb folgt Wer­be­not‹ zusam­men­fas­sen. Auch nichts, was man nicht schon wusste. Anstatt dem wirt­schaft­li­chen Wettbewerbs-Reaktions-Tripel ›Fle­xi­bi­li­tät | Mobi­li­tät | Sen­kung der Lohn­ne­ben­kos­ten‹ heißt es im Wer­be­be­reich eben ›Ver­trauen | Authen­ti­zi­tät | Par­ti­zi­pa­tion‹. Wie man vom »Cor­po­rate Design« zur »Cor­po­rate Iden­tity« kommt, und warum »uni­ver­sity« plötz­lich »cor­po­rate« ist, bleibt jedoch unklar. Inter­es­sant für den hoch­schul­po­li­tisch enga­gier­ten Stu­den­ten jedoch ist, dass ihrer Mei­nung nach die Hoch­schul­kom­mu­ni­ka­tion nach innen sich ohne eine ver­fasste Stu­die­ren­den­schaft als Ansprech­part­ner in Baden-Württemberg als schwie­rig gestaltet.

»Das ist hier eher so eine PR-Veranstaltung.«

Schließ­lich Kaf­fee­pause. Manch­mal der eigent­li­che Sinn und Zweck sol­cher Kon­fe­ren­zen. Kon­takte pfle­gen, knüp­fen, aus­lo­ten. Lei­der etwas kurz gera­ten, reicht sie aus, um eine nette ZEIT-Mitarbeiterin nach einer Pres­se­mappe zu fra­gen. Über deren Exis­tenz weiß sie nichts. »Das ist hier eher so eine PR-Veranstaltung. Ich bin vom Marketing.«

Wie­der ange­kom­men im Ple­nar­kühl­schrank bemerkt man, dass das Publi­kum ein wenig in die Hitze der Frank­fur­ter Innen­stadt her­aus­dif­fun­diert ist. Eigent­lich würde man jetzt nur noch die Hälfte der Plätze benö­ti­gen. Zum Auf­takt des Nach­mit­tags­ple­nums spricht Petra Roth, Prä­si­den­tin des Deut­schen Städ­te­ta­ges und Ober­bür­ger­meis­te­rin des gast­ge­ben­den Frank­furts, pas­send zum gewähl­ten Über­thema »Ver­ant­wor­tung der Hoch­schu­len für die Region und die Wis­sen­schaft«. Sie beginnt erwar­tungs­ge­mäß ihre Region, zu loben und zu loben und zu beto­nen, wie gut und wich­tig es doch sei, die »Wis­sens­no­ma­den nach Frank­furt zu bekom­men«. Auch ihr ist die Tem­pe­ra­tur hier auf­ge­fal­len und sie fin­det sie gut, denn: »Frisch ist jung, jung ist modern und modern ist leis­tungs­fä­hig!« Inwie­weit das schal­lende Geläch­ter im Saal als Reak­tion beab­sich­tigt war, lässt sich an ihrer Miene nicht ablesen.

Kul­tur schafft Arbeitsplätze

In einem Satz erle­digt sie, dass sie ja auch »Ver­fech­te­rin des Hum­boldt­schen Ide­als« sei und bemerkt nicht den Wider­spruch zur angeb­lich ver­foch­te­nen aka­de­mi­schen Frei­heit, wenn sie gleich­zei­tig über die Inves­ti­tio­nen in Bil­dung redet, die am Ende ja auch eine Wert­schöp­fung mit sich brin­gen müss­ten. Aber ihrer Mei­nung nach ist der Wider­stand in den Hoch­schu­len gegen­über der Wirt­schaft ja auch nicht mehr exis­tent und somit steht einer Wert­schöp­fung im Rah­men der MINT-Fächer nichts mehr im Wege. Die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten seien aber genauso wich­tig — für die »regio­nale Ver­an­ke­rung« der Hoch­schu­len. Und mitt­ler­weile habe man auch in der Frank­fur­ter Stadt­re­gie­rung begrif­fen, dass Kul­tur nicht gegen Sozia­les abge­wo­gen wer­den müsse, denn Kul­tur schaffe ja mas­sen­weise Arbeitsplätze.

Das Impuls­re­fe­rat für die zweite Dis­kus­sion muss lei­der aus­fal­len. Die Refe­ren­tin, Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst, Prä­si­den­tin der Uni­ver­si­tät Pots­dam und seit kur­zem auch des DAADs, steckt in einem der Züge des Mobi­li­täts­part­ners Deut­sche Bahn ziem­lich unmo­bil fest. Genauso der eigent­lich als Mode­ra­tor für die zweite Runde gesetzte Mar­tin Spie­wack, auch Redak­teur bei der ZEIT. Also steht ein impro­vi­sie­ren­der Wiarda mit einem nicht voll­stän­dig besetz­tem Podium einem nicht voll­stän­dig besetz­ten Saal gegen­über und meint, man beginne jetzt eben ein­fach ohne Impuls. Anwe­send sind Doris Ahnen, SPD, Minis­te­rin für Bil­dung, Wis­sen­schaft, Jugend und Kul­tur in Rheinland-Pfalz, Prof. Herr­mann Kokenge, Ex-Rektor der TU Dres­den und Dr. Vol­ker Meyer-Guckel vom Stif­ter­ver­band für die Deut­sche Wis­sen­schaft. Ein stu­den­ti­scher Ver­tre­ter ist nicht zu sehen, Zu Anfang darf Meyer-Guckel ein wenig über den vom Stif­ter­ver­band ins Leben geru­fe­nen Wett­be­werb »Stadt der Wis­sen­schaft« und des­sen posi­tive Wir­kun­gen auf die jewei­li­gen Städte refe­rie­ren. Das fin­den alle gut. Kokenge erläu­tert auf Wunsch von Wiarda dar­auf­hin ein Kon­zept, Dresden-Konzept genannt, das aus­nahms­weise mal nicht auf die Wirt­schaft schielt. Im Prin­zip geht es darum, außer­uni­ver­si­täre Insti­tu­tio­nen, wie das Helmholtz-, Max-Planck– oder Fraunhofer-Institut, aber auch staat­li­che und städ­ti­sche Kunst­samm­lun­gen in den uni­ver­si­tä­ren Betrieb in For­schung und Lehre mit ein­zu­glie­dern und so die Leis­tungs– und Anzie­hungs­kraft des Hoch­schul­stand­orts mit der Uni­ver­si­tät als feder­füh­ren­der »Spinne im Netz« zu poten­zie­ren. Soweit, so gut, so nahe­lie­gend, so über­ra­schend, dass das nicht schon viel frü­her und viel öfter pas­siert ist. Das fin­den auch alle gut.

»Da müss­ten sie ja 2000 Vor­träge pro Jahr halten!«

Mitt­ler­weile sind die Züge doch ange­kom­men und Kunst und Spie­wak betre­ten die Bühne. Nun ent­steht ein wenig Kanzlerduell-Stimmung infolge der Mode­ra­to­ren­dichte auf der Bühne. Spie­wack links außen, Wiarda mit­ten drin und dann noch vier Dis­ku­tan­ten. Und damit nicht mehr alle Alles gut fin­den, wird das am Mit­tag durch­ge­nickte Sti­pen­dien­sys­tem in die Runde geworfen.

Meyer-Guckel fin­det das gut, er kommt ja auch aus dem Bereich der Stu­den­ten­för­der­werke. Ahnen sieht dun­kel­rot, da es das soziale und das Ost-West Gefälle ver­stär­ken und auf­grund der Wirt­schafts­ab­hän­gig­keit bestimmte Stu­di­en­fä­cher an den Rand trei­ben werde. Und die bei­den Uni-Rektoren wis­sen nicht, wie sie die Gel­der dafür ein­wer­ben sol­len im struk­tur­schwa­chen Osten. Meyer-Guckel meint amerikanisch-hemdsärmelig, dies lasse sich durch Vor­träge beim Rotary-Club schon erle­di­gen, oder wenn es beim nächs­ten Migran­ten­ver­ein immer noch nicht klappt, eben beim Zahn­arzt ohne Kin­der. Kom­men­tar Ahnen: »Da müss­ten sie ja 2000 Vor­träge pro Jahr hal­ten!«. Schal­len­des Geläch­ter im Saal.

Um die Gemü­ter ein wenig zu beru­hi­gen wird das Thema zu einem ande­ren US-amerikanischen Wun­sch­im­port als der Sti­pen­di­en­kul­tur umge­lenkt: Com­mu­nity Out­re­aching. Tra­di­tio­nel­ler­weise erle­di­gen Stu­den­ten in Ame­rika gemein­nüt­zige Auf­ga­ben vor Ort. Auch das fin­den wie­der alle gut. Mitt­ler­weile wünscht man sich den stu­den­ti­schen Ver­tre­ter her­bei, der den Damen und Her­ren auf der Bühne erklärt, dass den Stu­den­ten gar nichts ande­res übrig bleibt, als »com­mu­nity out­zu­re­achen«, wenn sie im Dienste der Stu­di­ums­fi­nan­zie­rung in der Region Kaf­fee ser­vie­ren, Nach­hilfe geben und Catering-Service für Ver­an­stal­tun­gen wie die­ser verrichten.

Der lar­mo­yante Dis­kurs der Studierenden

Auf­grund der fort­ge­schrit­te­nen Zeit wird irgend­wann das Publi­kum los­ge­las­sen. Prompt mel­den sich drei junge Leute, unter ihnen auch der Autor die­ses Arti­kels. Der Tenor ist: Warum sitzt da vorne kei­ner von uns? Prä­gen nicht gerade die Stu­die­ren­den die Region? Com­mu­nity out­re­achen gerne, aber wann, bei Stu­di­en­ge­büh­ren und ver­schul­ten Bache­lor­stu­di­en­gän­gen? Und plötz­lich sind auf der Bühne die Stu­den­ten das Thema. Ganz am Ende. Fünf vor Schluss.

Doch zum Aus­wei­ten bleibt nicht die Zeit und so bit­tet Wiarda um Schluss­state­ments. Die Dis­ku­tan­ten wie­der­ho­len noch­mals die Argu­mente, die sie am liebs­ten haben, plötz­lich unter Ein­be­zie­hung der Stu­den­ten. Und dann hat der Mode­ra­tor das Wort, der im Laufe der Dis­kus­sion durch gerade mal zwei, viel­leicht drei bis­sige Fra­gen auf­ge­fal­len ist. Spie­wack bricht aus: Wie sehr ihn die­ser »lar­mo­yante Dis­kurs der Stu­die­ren­den« auf­rege, ihnen ginge es so schlecht. Er sel­ber war ja im gelob­ten Land, und da, ja da sei die Men­ta­li­tät eine andere. Da seien die Stu­die­ren­den »dank­bar dafür, dass sie stu­die­ren kön­nen«. Dort werde mehr neben dem Stu­dium gear­bei­tet, als der deut­sche Stu­dent sich vor­stel­len könne. Und es ist nicht nur der Ton, son­dern auch die Aus­drucks­weise, die einem auch ohne son­der­lich lar­mo­yan­ten Cha­rak­ter sauer aufstößt.

Die­ser unpro­fes­sio­nelle Mei­nungs­durch­bruch eines als Mode­ra­tor auf die Bühne gesetz­ten Redak­teurs kann von Wiarda durch die Wit­ze­lei, das sei nun eben der böse Abschluss gewe­sen und er müsse nun den guten machen, auch nicht aus­ge­gli­chen wer­den. Das mitt­ler­weile sehr aus­ge­dünnte Publi­kum klatscht höf­lich und macht sich auf zum Abend­es­sen, wo der Spon­sor MLP noch seine Dinner-Speech los­wer­den kann.

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