Die 2. ZEIT KONFERENZ »Hochschule & Bildung« bietet gute Unterhaltung, unprofessionelle Veranstalter, überraschende 180°-Wendungen von Uni-Präsidenten, gewohnten Wirtschaftssprech und einen Moderator, der sich freut, mal mitdiskutieren zu dürfen. Ein studentisch kommentierender Bericht.

Frankfurter Skyline. Warum die IHK in Frankfurt für eine Bildungskonferenz ausgewählt wurde, lässt sich, wenn nicht durch Symbolik, so doch vielleicht durch die zentrale Lage erklären. (cc-by-nd-licensed by loop_oh: http://www.flickr.com/people/loop_oh/, http://www.flickr.com/photos/loop_oh/3837770108/sizes/o/)
Schön, dass man als Student umsonst mit dem ICE in der ersten Klasse nach Frankfurt kommt. Was wahrscheinlich als Werbegeschenk der Deutschen Bahn gedacht war, eine im regulären Eintrittspreis von fast 900 € inbegriffene Zugkarte, kam aufgrund der politisch ehrenwerten Entscheidung der ZEIT, Studenten, Journalisten und Angestellte im öffentlichen Dienst kostenlos auf die Konferenz zu lassen, dann doch irgendwie nicht so wirklich an die Zielgruppe, die durch baldige Firmenticketkäufe die Finanzen der DB aufbessert.
Angekommen, gespannt, wie selektiert das Publikum aufgrund dieser Eintrittspreise wohl sein wird, wird einem bereits am Nebeneingang der Industrie– und Handelskammer (IHK) durch gut platzierte Sponsorenlogos mal wieder die, aus studentischer Sicht allgegenwärtig Veranstaltungen finanzierende, Finanzberatung MLP in Erinnerung gerufen. Nach dem obligatorischen Stehempfang wird das den Plenarsaal nicht wirklich füllende Publikum auf der Bühne erst einmal von Josef Joffe, Herausgeber der ZEIT, begrüßt.
Neidvolle Blicke auf den US-amerikanischen Bildungseisberg
Wie auch das sonstige moderierende Personal der ZEIT, hat er einen direkten Bezug zu den USA, er dozierte in Stanford, Princeton und Harvard, in deren Richtung im Laufe des Tages noch häufig neidvoll geblickt werden wird. Dass hierbei jedoch von den Diskutanten auf dem Podium meist nur die Spitze des US-amerikanischen Bildungs-Eisbergs gesehen wurde, stieß weder ihnen noch dem Publikum hörbar auf. Nach einem flachen Witz über »Jogis Löwen« (bekommt man solche Wortspiele als Herausgeber einer renommierten Wochenzeitung nicht abgewöhnt?), nutzt er sein gutes Recht als Veranstalter, seine persönliche Meinung zur heutigen Hochschullandschaft als Veranstalter loszuwerden.
Wer hier jedoch eine wert– und zielneutrale Erörterung der Probleme und Lösungsansätze ebendieser erwartete, wie man sie vom Veranstalter gerne hören würde, wurde leider enttäuscht. Nachdem das Publikum mit einem Lagebericht eingestimmt wurde, dass die Forschung immer weiter in die außeruniversitären Institute verlagert wird, zu viele Leute auf zu wenig Studienplätze kommen und zu wenig Geld da ist, kommt sofort die Forderung nach mehr Verantwortungsübernahme der Studierenden, die übersetzt Studiengebühren heißt, was beim Thema des ersten Vortrags– und Diskussionsblocks »Verantwortung der Hochschulen für die Studierenden« besonders passend kommt. Mit dem Verweis auf die USA und dem Vergleich mit eben dem gelobten Land, wird aus den Ausgaben der dortigen Studenten der Schluss gezogen, die Deutschen würden zu wenig bezahlen.
Dass erst Bologna die Mobilität aus den Fugen brachte, ist noch nicht angekommen.
Bologna sei notwendig gewesen. »Ein drastischer Wandel musste sein«. Denn vorher herrschte ein »Studium ohne Ende«, »ohne Qualitätskontrolle« und, faktisch vollkommen falsch, »ohne europaweite Mobilität«. Dass erst mit Bologna die vorher durch Erasmus und ähnliche Initiativen erreichte Mobilität wieder aus den Fugen geriet, ist anscheinend immer noch nicht angekommen. Er will die »Bologna-Litanei« nicht weiter ausweiten und schließt den inhaltlichen Teil mit ein paar weiteren allgemein bekannten Fakten (die FH verzeichnen Zuwächse) und dem allseits beliebten Analogiezug zwischen Köpfen und Bodenschätzen des Landes.
Nun, man will, ob der Dreistigkeit einer so klaren Positionierung eines Vertreters des Veranstalters in der Begrüßung, eigentlich schon wieder gehen, aber das Mittagessen ist erst in zwei Stunden und so hofft man während der »Key Note« des Staatssekretärs des Bundesministeriums für Bildung und Forschung Dr. Georg Schütte, dass die Podiumsdiskussion zwei Vorträge später wenigstens Gegenargumente, wenn schon nicht den Versuch einer objektiven Betrachtung mit sich bringt.
»Change your culture!«
Schütte relativiert dankenswerterweise gleich zu Beginn den USA-Vergleich und weist als gefühlt einziger an diesem Tag auf das Hinkebein hin, die Ivy-League und Universitäten ähnlicher Reputation mit dem deutschen Hochschulsystem zu vergleichen, das ganz andere Ziel– und Voraussetzungen hat. Er zitiert anekdotisch einen amerikanischen Kollegen, der auf die Frage, was Deutschland denn machen müsse, um das gelobte Land nachzuahmen: »Change your culture!« Danach kommt das übliche Staatsreferat: Die Verantwortung des Staates für eine funktionierende Uni, die Erkenntnis, Ausbildung, Berufsqualifikation und — natürlich — die Ausbildung staatsbürgerlichen Handelns leisten soll. Dann eine lange Reihe von Zahlen, insbesondere, wieviel der Staat für den Hochschulpakt ausgibt und die Erfolgsmeldung, dass endlich mehr Leute die sogenannten MINT-Studienfächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) wählen. Währenddessen blättert man ein wenig im den Konferenzteilnehmern geschenkten, 320 Seiten starken »MLP Taschenbuch der Hochschulpresse«, nützlich für jeden, der die öffentliche Meinung über Hochschulpolitik ein wenig prägen möchte. Kontaktdaten ohne Ende, nur Pressereferate von Studierendenvertretungen und ASten sucht man vergeblich.
»Kein Stipendienprogramm für Einkommenseliten«
Schließlich ein Höhepunkt: Wir erfahren aus erster Hand, dass das nationale Stipendienprogramm, nachdem der Bund plötzlich Geld dafür hat, durchgewunken wurde, während für die allgemeine BAFöG-Erhöhung kein Geld liquide ist. Dies sei aber, so wird betont, und allein die Notwendigkeit und Form dieser Verteidigung macht stutzig, »kein Stipendienprogramm für Einkommenseliten«.
Während man langsam bemerkt, dass man sich hier in einen riesigen Kühlschrank mitten in Frankfurt gesetzt hat — die Klimanlage bollert irgendwo unter 18 Grad Celsius — kommt einer zu Wort, der in der Vergangenheit auf Seiten der Wirtschaft viel Ehr und auf Seiten der Studenten viel Kritik und kreativen Protest entgegengebracht bekommen hat. Ausgezeichnet als Hochschulmanager des Jahres 2008 trat er bisher vor allem durch seine starke Wirtschaftsorientierung als Präsident der FU Berlin in Erscheinung. Jetzt, als Präsident der Universität Hamburg, scheint ihm die dortige »Diskussionskultur«, sowie die vergangenen Proteste gegen seine Person in Berlin und gegen die Hochschulrektorenkonferenz, deren Vizepräsident er ist, nahegelegt zu haben, sich auf alte Werte der Erziehungswissenschaften zurück zu besinnen.
Wozu soll Universität eigentlich gut sein?
So betritt mit Prof. Dr. Dieter Lenzen ein Mann die Bühne, dem nach eigener Aussage nahe gelegt worden ist, möglichst »konkret und pragmatisch« Verantwortung für die Studierenden in Form von Betreuung, Career Services, Qualitätsmanagement und Ähnliches in einem Impulsreferat für die folgende Podiumsdiskussion zu thematisieren. Dem verweigert er sich ausdrücklich. Und plötzlich hört der Saal wieder zu.
Er stellt die wohl unpragmatischste und grundsätzlichste Frage, die man sich in dieser Umgebung vorstellen kann. Die Frage nach dem Sinn von universitärer Bildung. Wozu soll Universität eigentlich gut sein? Die Frage nach dem »Wozu und zu welchem Ende« ist zwar nicht immer ein Garant für eine gelungene Rede, doch diesmal hält sie ihr Versprechen. Er wolle nicht anfangen Humboldt zu zitieren. Denn damit gerate man immer in den Verdacht, ein romantisch, altgermanisches Bildungsideal, das nicht mehr zeitgemäß ist, wieder heraufbeschwören zu wollen. Statt dessen wird der englische Philosoph John Stuart Mill bemüht, der in einer Rede 1867 universitäre Bildung darüber definierte, was sie nicht ist: Sie sei nicht »der Ort für berufsmäßige Erziehung« und höre da auf, wo »allgemeine Bildung aufhört«. Dieses Zitat nimmt der Erziehungswissenschaftler Lenzen exemplarisch dafür her, dass die Idee der allgemeinen, das Menschliche und allgemeine Bildung vermittelnden Universitas nicht allein im altgermanischen, sondern europaweit und auch im angelsächsischen Raum Tradition hat.
Um den temporalen Sprung zu nehmen, wird Horkheimer bemüht: Die Universität wolle »nicht den Fachmann heranziehen«, sondern wird durch die Vermittlung von Bildung »das Menschliche erhalten« und den allseits gegenwärtigen »Traum auf ein sinnvolles Leben« erhalten und die »Vergötzung des sich selbst genügenden Ichs« zu verhindern suchen durch den Dienst an der Sache, der Bildung, der Wissenschaft. Somit sei dieses Bild selbst in der Philosophie des 20. Jahrhunderts, bei Personen, die mit dem alten Ideal Humboldts längst gebrochen haben, immer noch gültig.
Bologna riecht nach Truppenversorgung und Zwangsernährung.
Mit dieser Einleitung im Hintergrund wird nun Bologna an den Pranger gestellt: Die von manchen mit der Reform des europäischen Hochschulraums in einem Atemzug versuchte »Entpolitisierung« der Hochschulen musste scheitern, da sie als solche selbst ein politischer Akt war. Die Verantwortlichen, die Qualitätsmanagement und Career Services fordern, hätten die »Bildung als Ermöglichungsraum« nicht verstanden. »Erziehung ist Zumutung, Bildung Angebot.« Mehr Determination des Curriculums führe zu weniger Differenzierung und während Bildung einem Auswählen aus einem Angebot feiner Delikatessen gleich sein sollte, rieche Bologna nach »Truppenversorgung und Zwangsernährung«.
Wie die alte deutsche Bildungstradition so schwach sein konnte, dass Bologna Bildung zum »Erziehungsprozess« gemacht hat, werde Thema erziehungswissenschaftlicher Untersuchungen der nächsten Jahrzehnte sein. Hochschullehrer jedoch sollten als »Vorbilder der leidenschaftlichen Erkenntnissuche« Qualitätsmanagement, gewünschtes Thema seiner Rede, überflüssig machen. »Gebildete Menschen brauchen kein Qualitätsmanagement«. Zusammen mit der Unmöglichkeit, die Qualität von Bildung arithmetisch zu erfassen, mache die Einführung der Qualitätsüberprüfung universitärer Kundenbetreuung, nur dann Sinn, wenn der Schritt von Bildung zu Erziehung nicht revidiert wird. Mit der »Hingabe an die Sache« werde Qualitätsmanagement an Universitäten überflüssig.
UPDATE (12.8.2010): Die Rede von Dieter Lenzen findet sich hier.Verantwortung heißt Bildung statt Erziehung.
Nach einer Aneinanderreihung von Forderungen, wie Universität Verantwortung für die Studierenden übernehmen sollte, muss er sich von Jan-Martin Wiarda, Redakteur der ZEIT, der die folgende Podiumsdiskussion moderiert, berechtigterweise fragen lassen, wie viel Selbstkritik in dieser Rede gesteckt habe. Wiarda fasst diese auch sogleich treffend zusammen: »Verantwortung für Studierende heißt Bildung statt Erziehung«.
Das Podium ist sehr ausgeglichen besetzt. Neben Lenzen sitzt erfreulicherweise eine studentische Vertreterin vom fzs, Anja Gadow. Auch wenn dieser Dachverband von Studierendenschaften in den letzten Jahren an Bedeutung eingebüßt hat, immerhin ein Zeichen guten Willens. Neben Wiarda Prof. Dr. Wilfried Müller, Rektor der Uni Bremen, auch Vize der HRK. Dann sitzt da noch Kai Gehring, Sprecher für Jugend, Generationen und Hochschulfragen der Grünen im Bundestag. Warum Vertreter anderer Parteien, außer noch der SPD, nicht angekündigt sind, kann man vielleicht dadurch erklären, dass ihre Interessen bereits ausreichend vertreten werden. Jedoch vollkommen unverständlich, aus welchem sachbezogenen Anlass ein Vorstandsvorsitzender der MLP sich mit in die Reihe setzt. Kurzvita im Programm:
»Uwe Schroeder-Wildberg, Jahrgang 1965, ist seit 2004 Vorstandsvorsitzender der MLP AG. Nach Banklehre und Studium war der Diplomkaufmann zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. 1995 wurde er Referent für Treasury bei der Südzucker AG; 1999 wechselte er als Managing Director zur Consors Discount-Broker AG. Dort rückte er 2001 in den Vorstand auf und verhandelte als Finanzvorstand die Übernahme des Instituts durch die BNP Paribas. 2003 wurde er in den Vorstand der MLP AG berufen; nur ein Jahr später übernahm Uwe Schroeder-Wildberg dort den Vorsitz.«
Er hat studiert und war »zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig«. Externe Berater bringen immer neue Ansichten, aber in einer Diskussion »Verantwortung der Universität für die Wirtschaft« hätte man ihn wohl eher erwartet. Aber wahrscheinlich gehört das zum guten Ton, wenn MLP das Essen gezahlt hat.
Es gibt keine Lernforschung für den Hochschulbereich
So startet eine eher langatmige Diskussion, auch da Lenzen recht früh schon wieder gehen muss und somit die größte Reibungsfläche verschwunden ist. Zuvor jedoch deckt er mit der Feststellung, dass es bis heute »keine Lernforschung für den Hochschulbereich« gebe, die Unsinnigkeit, über eine angeblich messbare Qualität der Lehre zu reden, auf, ohne dass es groß zur Kenntnis genommen wird. Während Gadow ihre Individualität pflegt, indem sie äußert, Career Services dürften ihr nicht vorschreiben, was sie anzuziehen hat, versucht sich Schroeder-Wildberg in Sprachhygiene, nachdem er bemerkt, dass das Wort Qualitätsmanagement nicht so gut ankommt und hofft so die »Überprüfung der Erreichung von selbstgesteckten Zielen« an den Mann zu bringen. Gehring meint, das ökonomische Leitbilder für die Hochschulreform wohl etwas zu einseitig gewesen seien und prangert — auch das kennt man bereits — die Bewertung von Universitäten allein nach ihrer Leistung in der Forschung an.
So blubbert die Diskussion ziemlich kernlos dahin, man hat eigentlich kein gemeinsames Thema, da man sich an »Was ist Bildung?« oder »Erziehung vs. Bildung« nicht wirklich heranwagt, und alle warten aufs Mittagessen. So gibt es denn auch nicht mehr sonderlich viele Wortmeldungen im Publikum. Im Gedächtnis hängen bleibt der Vorschlag, die Qualität der Lehre an der »Zufriedenheit« der Studenten festzumachen. Man fühlt sich spontan an das Konzept des Bruttonationalglücks erinnert.
Die Planung ist leider so angelegt, dass man sich nur an einem der insgesamt sechs Roundtables beteiligen kann, denn für das Mittagessen bleiben ansonsten gerade mal 15 Minuten. So schlägt man sich den Bauch mit einigen Delikatessen mit viel Fleisch und Fisch voll, vermisst irgendwie den Alkohol dazu, der korrekterweise erst am Abend gereicht wird, und verpasst derweil »Profilbildung und Selbstfindungsprozesse«, »Career Services«, der inoffizielle PR-Workshop von MLP, und »Weiterbildungsangebote an Hochschulen — quartäre Bildung«, auch eher uninteressant für den jung studierenden Betrachter. Also findet man sich später in »Hochschulkommunikation und –marketing« wieder, nachdem man dem Reiz widerstanden hat, wie denn wohl das »Berufsbild Hochschulmanager« aussieht und »E-Learning« wahrscheinlich zu Hause genauso interessant ist.
Warum ist »university« plötzlich »corporate«?
Die etwas nervös wirkende Rednerin, sie ist »Praktikerin«, soll heißen Pressesprecherin und Leiterin der Kommunikations– und Marketingabteilung der Uni Heidelberg, klatscht einem, wie könnte es anders sein, ein paar Powerpoint-Folien an die Wand und erzählt aus ihrem Kommunikationskonzept für Hochschulen. Alles lässt sich eigentlich unter der Formel ›Aus Wettbewerb folgt Werbenot‹ zusammenfassen. Auch nichts, was man nicht schon wusste. Anstatt dem wirtschaftlichen Wettbewerbs-Reaktions-Tripel ›Flexibilität | Mobilität | Senkung der Lohnnebenkosten‹ heißt es im Werbebereich eben ›Vertrauen | Authentizität | Partizipation‹. Wie man vom »Corporate Design« zur »Corporate Identity« kommt, und warum »university« plötzlich »corporate« ist, bleibt jedoch unklar. Interessant für den hochschulpolitisch engagierten Studenten jedoch ist, dass ihrer Meinung nach die Hochschulkommunikation nach innen sich ohne eine verfasste Studierendenschaft als Ansprechpartner in Baden-Württemberg als schwierig gestaltet.
»Das ist hier eher so eine PR-Veranstaltung.«
Schließlich Kaffeepause. Manchmal der eigentliche Sinn und Zweck solcher Konferenzen. Kontakte pflegen, knüpfen, ausloten. Leider etwas kurz geraten, reicht sie aus, um eine nette ZEIT-Mitarbeiterin nach einer Pressemappe zu fragen. Über deren Existenz weiß sie nichts. »Das ist hier eher so eine PR-Veranstaltung. Ich bin vom Marketing.«
Wieder angekommen im Plenarkühlschrank bemerkt man, dass das Publikum ein wenig in die Hitze der Frankfurter Innenstadt herausdiffundiert ist. Eigentlich würde man jetzt nur noch die Hälfte der Plätze benötigen. Zum Auftakt des Nachmittagsplenums spricht Petra Roth, Präsidentin des Deutschen Städtetages und Oberbürgermeisterin des gastgebenden Frankfurts, passend zum gewählten Überthema »Verantwortung der Hochschulen für die Region und die Wissenschaft«. Sie beginnt erwartungsgemäß ihre Region, zu loben und zu loben und zu betonen, wie gut und wichtig es doch sei, die »Wissensnomaden nach Frankfurt zu bekommen«. Auch ihr ist die Temperatur hier aufgefallen und sie findet sie gut, denn: »Frisch ist jung, jung ist modern und modern ist leistungsfähig!« Inwieweit das schallende Gelächter im Saal als Reaktion beabsichtigt war, lässt sich an ihrer Miene nicht ablesen.
Kultur schafft Arbeitsplätze
In einem Satz erledigt sie, dass sie ja auch »Verfechterin des Humboldtschen Ideals« sei und bemerkt nicht den Widerspruch zur angeblich verfochtenen akademischen Freiheit, wenn sie gleichzeitig über die Investitionen in Bildung redet, die am Ende ja auch eine Wertschöpfung mit sich bringen müssten. Aber ihrer Meinung nach ist der Widerstand in den Hochschulen gegenüber der Wirtschaft ja auch nicht mehr existent und somit steht einer Wertschöpfung im Rahmen der MINT-Fächer nichts mehr im Wege. Die Geisteswissenschaften seien aber genauso wichtig — für die »regionale Verankerung« der Hochschulen. Und mittlerweile habe man auch in der Frankfurter Stadtregierung begriffen, dass Kultur nicht gegen Soziales abgewogen werden müsse, denn Kultur schaffe ja massenweise Arbeitsplätze.
Das Impulsreferat für die zweite Diskussion muss leider ausfallen. Die Referentin, Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst, Präsidentin der Universität Potsdam und seit kurzem auch des DAADs, steckt in einem der Züge des Mobilitätspartners Deutsche Bahn ziemlich unmobil fest. Genauso der eigentlich als Moderator für die zweite Runde gesetzte Martin Spiewack, auch Redakteur bei der ZEIT. Also steht ein improvisierender Wiarda mit einem nicht vollständig besetztem Podium einem nicht vollständig besetzten Saal gegenüber und meint, man beginne jetzt eben einfach ohne Impuls. Anwesend sind Doris Ahnen, SPD, Ministerin für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur in Rheinland-Pfalz, Prof. Herrmann Kokenge, Ex-Rektor der TU Dresden und Dr. Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Ein studentischer Vertreter ist nicht zu sehen, Zu Anfang darf Meyer-Guckel ein wenig über den vom Stifterverband ins Leben gerufenen Wettbewerb »Stadt der Wissenschaft« und dessen positive Wirkungen auf die jeweiligen Städte referieren. Das finden alle gut. Kokenge erläutert auf Wunsch von Wiarda daraufhin ein Konzept, Dresden-Konzept genannt, das ausnahmsweise mal nicht auf die Wirtschaft schielt. Im Prinzip geht es darum, außeruniversitäre Institutionen, wie das Helmholtz-, Max-Planck– oder Fraunhofer-Institut, aber auch staatliche und städtische Kunstsammlungen in den universitären Betrieb in Forschung und Lehre mit einzugliedern und so die Leistungs– und Anziehungskraft des Hochschulstandorts mit der Universität als federführender »Spinne im Netz« zu potenzieren. Soweit, so gut, so naheliegend, so überraschend, dass das nicht schon viel früher und viel öfter passiert ist. Das finden auch alle gut.
»Da müssten sie ja 2000 Vorträge pro Jahr halten!«
Mittlerweile sind die Züge doch angekommen und Kunst und Spiewak betreten die Bühne. Nun entsteht ein wenig Kanzlerduell-Stimmung infolge der Moderatorendichte auf der Bühne. Spiewack links außen, Wiarda mitten drin und dann noch vier Diskutanten. Und damit nicht mehr alle Alles gut finden, wird das am Mittag durchgenickte Stipendiensystem in die Runde geworfen.
Meyer-Guckel findet das gut, er kommt ja auch aus dem Bereich der Studentenförderwerke. Ahnen sieht dunkelrot, da es das soziale und das Ost-West Gefälle verstärken und aufgrund der Wirtschaftsabhängigkeit bestimmte Studienfächer an den Rand treiben werde. Und die beiden Uni-Rektoren wissen nicht, wie sie die Gelder dafür einwerben sollen im strukturschwachen Osten. Meyer-Guckel meint amerikanisch-hemdsärmelig, dies lasse sich durch Vorträge beim Rotary-Club schon erledigen, oder wenn es beim nächsten Migrantenverein immer noch nicht klappt, eben beim Zahnarzt ohne Kinder. Kommentar Ahnen: »Da müssten sie ja 2000 Vorträge pro Jahr halten!«. Schallendes Gelächter im Saal.
Um die Gemüter ein wenig zu beruhigen wird das Thema zu einem anderen US-amerikanischen Wunschimport als der Stipendienkultur umgelenkt: Community Outreaching. Traditionellerweise erledigen Studenten in Amerika gemeinnützige Aufgaben vor Ort. Auch das finden wieder alle gut. Mittlerweile wünscht man sich den studentischen Vertreter herbei, der den Damen und Herren auf der Bühne erklärt, dass den Studenten gar nichts anderes übrig bleibt, als »community outzureachen«, wenn sie im Dienste der Studiumsfinanzierung in der Region Kaffee servieren, Nachhilfe geben und Catering-Service für Veranstaltungen wie dieser verrichten.
Der larmoyante Diskurs der Studierenden
Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit wird irgendwann das Publikum losgelassen. Prompt melden sich drei junge Leute, unter ihnen auch der Autor dieses Artikels. Der Tenor ist: Warum sitzt da vorne keiner von uns? Prägen nicht gerade die Studierenden die Region? Community outreachen gerne, aber wann, bei Studiengebühren und verschulten Bachelorstudiengängen? Und plötzlich sind auf der Bühne die Studenten das Thema. Ganz am Ende. Fünf vor Schluss.
Doch zum Ausweiten bleibt nicht die Zeit und so bittet Wiarda um Schlussstatements. Die Diskutanten wiederholen nochmals die Argumente, die sie am liebsten haben, plötzlich unter Einbeziehung der Studenten. Und dann hat der Moderator das Wort, der im Laufe der Diskussion durch gerade mal zwei, vielleicht drei bissige Fragen aufgefallen ist. Spiewack bricht aus: Wie sehr ihn dieser »larmoyante Diskurs der Studierenden« aufrege, ihnen ginge es so schlecht. Er selber war ja im gelobten Land, und da, ja da sei die Mentalität eine andere. Da seien die Studierenden »dankbar dafür, dass sie studieren können«. Dort werde mehr neben dem Studium gearbeitet, als der deutsche Student sich vorstellen könne. Und es ist nicht nur der Ton, sondern auch die Ausdrucksweise, die einem auch ohne sonderlich larmoyanten Charakter sauer aufstößt.
Dieser unprofessionelle Meinungsdurchbruch eines als Moderator auf die Bühne gesetzten Redakteurs kann von Wiarda durch die Witzelei, das sei nun eben der böse Abschluss gewesen und er müsse nun den guten machen, auch nicht ausgeglichen werden. Das mittlerweile sehr ausgedünnte Publikum klatscht höflich und macht sich auf zum Abendessen, wo der Sponsor MLP noch seine Dinner-Speech loswerden kann.



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